BIBLIOTHECA CLASSICA PETROPOLITANA
САНКТ-ПЕТЕРБУРГСКИЙ АНТИЧНЫЙ КАБИНЕТ
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Corpus inscriptionum regni Bosporani: Album imaginum (2004)

§ 1. Die Redaktion unter S. Ja. Luria (das erste Redaktionskollegium)

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Nach dem Tod Žebelevs beschäftigten sich in den Nachkriegsjahren mit der Redigierung und Kommentierung sowohl der alten als auch der neuen bosporanischen Inschriftenmaterialien in der LO I.I. einige einander schnell ablösende Kollektive von Wissenschaftlern. Vom Herbst 1946 bis zum Frühjahr 1949[11] leitete die Redaktion S. Ja. Luria (1891-1964),[12] ein ausgezeichneter und erfahrener Inschriftenkenner.[13] Von seinen wenigen Mitarbeitern hat anscheinend keiner Vollzeit in der Redaktion gearbeitet. Befreiungen von anderweitigen Verpflichtungen wurden nicht erteilt. B. Nadel beschäftigte sich um 1947 mit den lateinischen Lemmata des Corpus,[14] als M. E. Sergeenko als Konsultantin für Latein hinzugezogen wurde. A. I. Boltunova (1900-1991), Schülerin von Žebelev sowie von Luria, schloss sich der Redaktion mehr gegen Ende an.[15] Abgesehen von der logistischen Hilfe der LO I.I. wurde die Redaktion lediglich von einer technischen Mitarbeiterin unterstützt.[16]
Auf der Rückseite der jeweils zwei oder oft mehreren Exemplare der Fotosammlung der SPb I.I., auf denen fast immer Angaben vermerkt wurden, sind nur selten Hinweise zu den Jahren 1948 und 1949 anzutreffen. Das legt die Vermutung nahe, dass die Arbeit an der Vervollständigung der bosporanischen Inschriftenmaterialien unter der Redaktionsleitung von Luria intensiv vorangetrieben wurde. Für die Redaktion bestand in den ungefähr zweieinhalb Jahren ihrer Tätigkeit die Hauptaufgabe darin, Žebelevs Redigierung der auf Latein verfassten Kommentare von Latyschev fortzusetzen, diese mit den Originalen zu vergleichen und die Sammlung der fotografischen Abbildungen für eine zukünftige Veröffentlichung zu vervollständigen. Offensichtlich wurden schon in dieser Zeit von den Negativen aus Latyschevs und Žebelevs Fotothek für die zu entstehende Fotosammlung teilweise wieder Aufnahmen gemacht. Boltunova bereiste zur Durchführung der oben genannten Anliegen die Museen der UdSSR. Im Sommer des Jahres 1948 verglichen Luria und Boltunova 210 Texte in Kerč und Simferopol.[17]
Als Luria 1948 Illustrationen zu den bosporanischen Inschriften sammelte, initiierte er eine Wende in der damals sehr riskanten Polemik um das Chersonessische Diophantosdekret (IosPE I²352 = Syll.³ 709), für die sich insbesondere die Dokumentation des auszulegenden epigraphischen Textes als ausschlaggebend erwies. der schon in den 30er Jahren sehr politisch geführten Polemik sprang die wissenschaftliche Bedeutung einer Faksimilegrundlage für die Analyse der Dokumente und der aus ihnen – historisch manchmal sehr bedeutenden Schlussfolgerungen – geradezu in die Augen.[18]
Im Frühjahr 1949 wurde die Redaktionsarbeit unter Lurias Leitung durch Ausschreitungen der sog. ‚kosmopolitischen’ (d. h. antisemitischen) Kampagne unterbrochen; es wurde in diesem Zusammenhang auch die Beschuldigung der "Kriecherei vor dem Westen" und des "Formalismus" laut. Trotz der bescheidenen Ausstattung seiner Redaktion wurde Luria sogar der "Verschwendung staatlicher Gelder" und fast der Sabotage bezichtigt. In der Entscheidung des Wissenschaftsrates der LO I.I. vom 14. IV. 1949 wurde festgestellt, dass die unter Lurias Leitung ausgeführte Arbeit zur Neuausgabe der bosporanischen Inschriften für wissenschaftliche und politische Zwecke vollkommen ungeeignet sei. "Die gesamte Arbeit an der Ausgabe der 'Bosporanischen Inschriften' muss von neuem durchgeführt werden."[19] Als Luria aufgrund dieser und anderer Beschuldigungen seine Arbeit in Leningrad verlor, begannen für ihn Jahre der Ungewissheit und Wanderungen, die zum Glück in einer erfolgreichen akademischen Laufbahn an der Universität Lviv endeten.

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[11] An die Wiederaufnahme dieser Arbeit in der Nachkriegszeit erinnert in dem Überblick neuerer epigraphischer Arbeiten E. M. Štaerman. Das Studium der antiken Inschriften in der UdSSR. (russ.), (VDI Nr. 3 [1947], 67:"Es wird eine große Ausgabe und Neuausgabe der in der UdSSR gefundenen Inschriften vorbereitet."
[12] Ja. S. Lur’e. Istorija odnoj zhizni (= Die Geschichte eines Lebens). SPb 2004, 181-185 (russ. Erstausgabe in Paris unter dem Pseudonym B. Ja. Koprživa-Lur’e 1987 erschienen). Es sind seit einigen Jahren Übersetzungen dieses Buches ins Englische und Deutsche geplant.
[13] Als Schüler S. A. Žebelevs und M. I. Rostovcevs an der Petersburger Universität stützte sich Luria (ibd., 52ff.) seit 1913 – er schrieb damals eine Arbeit über den Böotischen Bund (gedruckt 1914 in der Zeitschrift des Ministeriums für Volksaufklärung ŽMNP), für die er eine Auszeichnung erhielt – auf Inschriftenmaterial. Als Anerkennung für seine Errungenschaften auf diesem Gebiet kann man Lurias Zusammenarbeit in der Redaktion der internationalen Ausgabe Supplementum Epigraphicum Graecum (SEG) ansehen, deren Komitee er von 1929 bis 1937 angehörte.
[14] Vor dem Krieg studierte B. Nadel an der Universität Vilnius. Vom August 1946 bis Dezember 1947 gehörte er der LOII als wissenschaftlich-technischer Mitarbeiter an. 1957 reiste er aus der UdSSR aus und lebte in Polen. Er meldete sich 2004 aus New York, als die Redaktion genauere Details über die Umstände dieser Zeit von ihm erfahren wollte.
[15] Mit dieser Zusammenarbeit ist die bekannte humoristische Episode verbunden, als Boltunova in einer aufgefundenen Inschrift (später KBN 939) den Namen einer neuen griechischen Göttin entdeckt zu haben glaubte.
[16] Dies bestätigte Benjamin Nadel in seinem Brief an den Verf. vom 21. IV. 2004 aus New York.
[17] Über die Entstehung … , Zeile 52, Fn. 2.
[18] Über die Entstehung ..., 202-206; A. K. Gavrilov. Die Skythen des Saumakos – Aufstand oder Invasion? // Studien zur antiken Geschichte und Kultur der Nordschwarzmeerküste. (russ.) SPb 1992, 64 und Fn. 35, 36. (In gekürzter Form siehe: ders. Das Diophantosdekret und Strabon, in: Hyperboreus 2 (1996) 1, 151-159.
V. V. Struve stützte sich bei seiner Rekonstruktion der S. 34 des Diophantosdekrets der Chersonesiter auf "unsere fortschrittliche [= sowjetische – A. G.] Technik," während S. Ja. Luria den alten Abklatsch des Diophantosdekrets, der sich im Museum von Chersonesos (in Sewastopol) befand, der fortschrittlichen Technik vorzog.
[19] Ja. S. Luria. Die Geschichte eines Lebens. (russ.), 184.