Corpus inscriptionum regni Bosporani: Album imaginum (2004)
Historischer Überblick Zur Geschichte des CIRB und seines Fotoarchivs[*]
Der Corpus der bosporanischen Inschriften und das Album der Illustrationen dazu[1] haben eine lange Geschichte, die nachfolgend auf der Grundlage von veröffentlichten Zeugnissen, Erinnerungen von Beteiligten und Archivdokumenten in ihren Grundzügen dargestellt wird.[2]
Der Beginn eines KBN-Fotoarchivs geht auf die Tätigkeit des Akademiemitglieds der Petersburger sowie der Preußischen Akademie der Wissenschaften, V. V. Latyschev (1855-1921)[3], zurück, der eine Neuausgabe der bosporanischen Inschriften plante, die seine von ihm herausgegebene Sammlung der griechischen Inschriften der Nordschwarzmeerküste oder die Inscriptiones orae septentrionalis Ponti Euxini (IosPE) vol. II. 1890; IV, 1901 vervollständigen sollte.[4] Diese Pläne lassen sich genau auf 1916, dem Erscheinungsjahr der IosPE ²I, zurückverfolgen. Latyschev sammelte für seine epigraphischen Forschungen unentwegt Fotos, Abklatsche und Zeichnungen von insbesondere bosporanischen Inschriften. Besonders oft haben ihn mit diesem Material V. V. Škorpil, K. E. Duhmberg und Ju. Ju. Marty versorgt. F. I. Gross (1822-1897), der als Zeichner K. R. Begičev (gest. um 1862) ablöste, schickte Zeichnungen, manchmal Aquarelle und sich in Kerč befindende Denkmäler.[5] Seine Kollegen wie G. E. Kieseritzky (Eremitage), E. P. von Stern (Odessa, dann Halle) u. a. legten gewöhnlich Fotos und (oder) Abklatsche bei, wenn sie Latyschev über neue Inschriftentexte informierten. Bei der Bearbeitung dieser Materialien in Petersburg hatte Latyschev übrigens die Möglichkeit, die Dienste des Fotografen der Kaiserlichen Archäologischen Kommission, I. F. Čistjakov (gest. 1935), in Anspruch zu nehmen.
Offenbar hat Latyschev alles gesammelt, was es zu dieser Zeit gab,[6] auch unterschiedliche Wiedergaben von Inschriften, die als Material für seine im großen und ganzen um 1918 schon druckreife Ausgabe dienen sollten; er konnte allerdings nicht mit einer vollständigen Veröffentlichung dieser Abbildungen rechnen, da ein solches Unterfangen in Russland nicht einmal in den besten Zeiten historisch-philologischer Forschungen möglich gewesen war.[7] Nach Latyschevs Tod 1921 wurde die Arbeit an einer Neuauflage der bosporanischen Inschriften in der Leningrader Abteilung des Historischen Instituts (LO I.I., heute SPb I.I.) vom Akademiemitglied S. A. Žebelev (1867-1941) fortgesetzt.[8] Žebelev hat nicht nur einen wesentlichen Beitrag zur Vervollständigung der Inschriftensammlung geleistet, er hat auch ihre Konzeption geändert:[9] ihm schwebte ein Sammelband vor, der zwar kürzere, aber im Vergleich zur editio maior hermeneutisch detailliertere Erklärungen enthielt; ein beträchtlicher Teil dieser Neuveröffentlichung sollte dabei reichlich mit Illustrationsmaterial versehen werden.[10]
Mit der Zeit entstand aufgrund der von Latyschev zusammengestellten und der von Žebelev vervollständigten Kollektion in der LO I.I. die umfangreichste Fotosammlung von griechischen Inschriften des Bosporus. Heute ist sie in der Westeuropäischen Sektion des Archivs des SPb I.I. (ZES) untergebracht und von N. Pavlichenko archivarisch dokumentiert.
[*]Der deutsche Text ist eine leicht überarbeitete Fassung des russischen Überblicks aus dem CIRB-Album (2004).
- [1] Der Corpus der bosporanischen Inschriften (KBN) / Corpus inscriptionum Regni Bosporani (CIRB), Moskau / Leningrad 1965. Zu dem Redaktionskollegium, welches diese von mehreren Kollektiven vorbereitete Ausgabe zum Abschluss brachte, gehörten: V. V. Struve (Herausgeber), M. N. Tichomirov, V. F. Gajdukevič, A. I. Dovatur, D. P. Kallistov und T. N. Knipovič.
- [2] Außer dem KBN-Vorwort dienten als Quelle dieses Überblicks Materialien aus der Abteilung für Antike des Historischen Instituts. Bei der Suche nach Archivmaterial zur Entstehungsgeschichte des KBN wurde die Redaktion von den Mitarbeitern des SPb I.I. RAN, A. N. Vasil'ev und I. V. Kuklina, unterstützt.
- [3] Zur Bedeutung Latyschevs für das Studium der Geschichte der Inschriften der Nordschwarzmeerküste in Russland siehe: E. D. Frolov, Die Russische Altertumswissenschaft. Historiographische Aufzeichnungen. (russ.) SPb. 1999, 233-242.
- [4] Gleichzeitig mit dem KBN erschien in Deutschland die Neuausgabe des Corpus im reprint von Latyschev: V. Latyschev (Hrsg.) Inscriptiones antiquae orae septentrionalis Ponti Euxini Graecae et Latinae. Vol. I, II et IV, Hildesheim 1965.
- [5] Über die mit dem Kerčer Museum verbundenen Personen siehe: I. V. Tunkina. Die Russische Wissenschaft über das klassische Altertum in Südrussland (18. bis Mitte des 19. Jhs.). (russ.) SPb. 2002, 298f.
- [6] Der Papyrus- und Inschriftenkenner O. O. Krüger (1893-1967), ein Schüler von M. Rostovcev und G. Cereteli, sagt über Latyschev bei der Aufzählung von dessen Verdiensten um die Erforschung des antiken Bosporus: " ... er hat eine enorme Fotothek zusammengestellt." (VDI = Bote der Antiken Geschichte. (russ.) Nr. 2 [1966] 176).
- [7] Hierbei stützen wir uns auf das aufschlussreiche Dokument der Westeuropäischen Sektion (russ. Abkürzung ZES) der SPb I.I. (f. 17, Inventarverz. 2 Nr. 133, Bl. 52-58); diese Notiz mit der Überschrift Über die Entstehung und die Perspektiven einer Ausgabe des Corpus der Bosporanischen Inschriften. (russ.) wird nachfolgend mit Über die Entstehung ... zitiert. Offensichtlich wurde sie von der Redaktion geschrieben, die den KBN von 1965 unter der Leitung von V. V. Struve vorbereitete.
- [8] An die Arbeit mit Latyschevs Manuskript (Petersburger Filiale des Archivs = PFA der RAN, f. 729, Inventarverz. 1, Nr. 34) erinnert S. A. Žebelev in seinem "Selbstnachruf", der von E. D. Frolov und I. V. Tunkina im VDI Nr. 2 [1993], 182 veröffentlicht wurde: "Nach Latyschevs Tod wurde von Žebelev die unveröffentlichte Ausgabe des 2. Bandes der IosPE – Inscriptiones regni Bosporani –vorbereitet."
- [9] So die Meinung des letzten Teilnehmers an den Corpus- Arbeiten und des KBN-Rezensenten nach dessen Erscheinen; siehe S. Oświecimski. Nowe wydanie napisów Bosporańskich // Archeologia 18 (1967), 242. Ebenso äußern sich diese Autoren in der lateinischen Rezension: B. Nadel, S. Oświecimski: In Inscriptiones Bosporanas nuperrime editas adnotationes aliquot // Eos 56 (1966), 223-225.
- [10] Über die Entstehung ... , Bl. 1.